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Die Verteidigung der Frauenhaus-Bastion


Stuttgart, 17.01.2009: Wie ein harmloses Gutachten des Instituts für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung e.V. (IAIZ) Berlin die Frauenhaus-Szene aufschreckte - und was uns das über diese verrät.




1. Hintergrund

Im April 2008 erschien eine Studie des Instituts für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung e.V. (IAIZ) in Berlin, in Auftrag gegeben 2007 vom Thüringer Sozialministerium. Titel der Studie: „Perspektiven der Frauenhausarbeit im Freistaat Thüringen – Gutachten zur Evaluation“ (im Internet unter http://www.thueringen.de).

Die Verfasser dieser Studie hatten die Frauenhäuser im Freistaat Thüringen unter die Lupe genommen und dabei den einen oder anderen unbefriedigenden Zustand – man kann es auch Missstand nennen – ausgemacht. Wir zitieren einige Punkte aus der Zusammenfassung: „Hinsichtlich der Motivation der Mitarbeiterinnen dominieren: Frauenpolitisches Engagement, Helfersyndrom, eigene Betroffenheit; die meisten Frauenhäuser (haben) eine eher ablehnende Haltung gegenüber Interventionsstrategien; die angesetzten Mittel für Fort- und Weiterbildung sind sehr gering.“ Und so weiter.

Interessant wird es an folgender Stelle: „Gewalt wird überwiegend als Männergewalt gesehen, in der Beschreibung des Gewalthandelns wird überwiegend zwischen weiblichem Opfer und männlichem Täter dichotomisiert“ (zweigeteilt), und: „in der Regel ist kein konzeptionell-begriffliches Verständnis von systemischer Arbeit vorhanden, ein Einbezug von Männern in die Ausarbeitung von Strategien zur Lösung des häuslichen Gewaltproblems erfolgt von daher äußerst selten.“

Als Mittel, die Arbeit der Thüringer Frauenhäuser zu verbessern, schlagen die Verfasser, darunter der bekannte Männerforscher Dr. Peter Döge, verschiedene Maßnahmen vor, die sich im Großen und Ganzen unter den Begriffen mehr Fortbildung, mehr Professionalität, transparentere Statistiken sowie verstärkte Ausrichtung auf die Haupt-Klientel, d.h. Hilfe suchende Frauen aus sozial schwächeren Milieus, zusammenfassen lassen.

Das IAIZ hat also nicht gleich die Abschaffung der Thüringer Frauenhäuser oder dergleichen gefordert. Immerhin kommt es zu dem Schluss, die Arbeit der Frauenhäuser sei aus volkswirtschaftlicher Sicht „im Großen und Ganzen positiv zu bewerten“; diese Effekte könnten durch die genannten Maßnahmen verstärkt werden.

Dennoch scheint dieses Gutachten in der Frauenhaus-Szene einigen Staub aufzuwirbeln. Der Newsletter des in Frankfurt ansässigen, vom Bundes-Familienministerium geförderten Vereins Frauenhauskoordinierung e.V. befasst sich in Ausgabe 3/08 gleich in vier Beiträgen mit dieser Studie (http://www.infothek.paritaet.org).

Drei dieser Beiträge stammen von Wissenschaftlerinnen, die dem feministischen Umfeld zuzuordnen sind. Den vierten Beitrag, auf den wir hier nicht näher eingehen wollen, hat passend dazu die Landesarbeitsgemeinschaft der Thüringer Frauenhäuser und Frauenschutzwohnungen verfasst.


2. Stellungnahme von MANNdat zu Hagemann-White

Die erste Stellungnahme zum IAIZ-Gutachten stammt von Prof.Dr. Carol Hagemann-White (66), Professorin für Allgemeine Pädagogik/Frauenforschung, Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften an der Universität Osnabrück.

Hagemann-White lässt von Anfang durchblicken, wohin bei ihr die Reise geht: „der Zusammenhang zwischen fehlender Gleichberechtigung der Geschlechter in der Gesellschaft und der Verbreitung von Gewalt gegen Frauen“ sei „eine international durch Forschung breit gestützte Erkenntnis.“

Damit ist das Terrain abgesteckt, die erste entscheidende Duftmarke gesetzt. Leider verrät sie uns jedoch nicht, welche Art von „Forschung“ zu jenen „breit gestützten Erkenntnissen“ gekommen ist, wonach es einen Zusammenhang zwischen fehlender Gleichberechtigung (wir ergänzen: von Frauen) und Gewalt gegen Frauen gebe. Wir können daher nur vermuten und annehmen, dass es sich um „Wissenschaftler“ aus dem Bereich der Frauen-, Gender- und Geschlechterforschung handelt, was im Prinzip mehr oder weniger das gleiche ist. Für diese „Forscher“ dürfte bereits am Anfang feststehen, was sie am Ende herausgefunden haben werden. Es ist ziemlich genau das, was Hagemann-White in oben zitiertem Satz aussagt.

Was sie uns als nicht anzweifelbares und nicht widerlegbares, mit den Weihen wissenschaftlicher Objektivität geadeltes Faktum verkauft, weist in Wirklichkeit auf ein wissenschaftliches Armutszeugnis hin: das Fehlen jeglicher seriöser, objektiver, fairer und vor allem ergebnisoffener Geschlechterforschung.

Gäbe es diese – und nicht die sattsam bekannten, als „Gender Studies“ verbrämten feministischen Frauenforschungs-Lehrstühle –, dann kämen sie zu ganz anderen Ergebnissen, die auch Benachteiligungen und Gewalterfahrungen von Männern angemessen berücksichtigen würden.

Die parteiische, vom Geist des Feminismus angekränkelte „Frauenforschung“, die sich an deutschen Hochschulen eingenistet hat und wesentlich von der Selbstbefruchtung durch feministische Mythen lebt, muss natürlich zwangsläufig zu solchen Ergebnissen kommen, die Hagemann-White hier verkündet.

Gewalt gegen Frauen, schwadroniert sie weiter drauflos, sei „von einem tradierten Verhältnis von Dominanz und Unterordnung getragen“; der Staat sei in der Pflicht, „mit einem spezifischen Hilfsangebot für Frauen dafür zu sorgen, dass Hilfe da ist, wenn sie aufgrund ihres Geschlechts Gewalt erleiden und von schwerwiegenden Nachteilen bedroht sind.“ Sehr interessant. Für Männer, die aufgrund ihres Geschlechts Gewalt erleiden und von Nachteilen bedroht sind, bedarf es also mithin keiner Hilfe. Wo bleibt da der „Gender Mainstreaming“-Ansatz? Und: verstößt eine solche Benachteiligung von Männern nicht gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz?

Immerhin ist selbst Hagemann-White inzwischen bekannt, dass auch Männer von häuslicher Gewalt betroffen sind. Sie lobt die Verfasser der vom Frauenministerium(!) in Auftrag gegebenen Pilotstudie von 2004, in deren Rahmen 200 Männer nach ihren Gewalterfahrungen befragt wurden, als „Pionierarbeit“, was sie in der Tat auch ist. (Über eine größere, repräsentative Folgestudie hätte man sich indes noch mehr gefreut, doch dazu fehlte entweder das Geld oder der politische Wille oder beides.)

Sie tut dies jedoch vor allem deshalb, weil diese Studie – sowie im Vergleich dazu die vom gleichen Ministerium veröffentlichte, repräsentative Studie „Gewalt gegen Frauen“ – so schön ihren Standpunkt untermauert. Während nämlich zwei Drittel der im Rahmen der Männerstudie befragten Männer „keine Verletzungsfolgen hatten, berichteten 64 % der betroffenen Frauen, dass die Angriffe des Partners mindestens einmal eine Verletzung nach sich zogen; mehrheitlich (59 %) gingen die Verletzungen sogar über Prellungen und blaue Flecken hinaus.“ Für sie ist aufgrund dieser und zweier weiterer Studien klar: „Die Forschungslage über Paarbeziehungen spricht daher weiterhin dafür, von einem Muster patriarchaler Gewalt zu sprechen.“

Nun gibt es zur häuslichen Gewalt jede Menge Studien, und die Mehrzahl zeigt tatsächlich, dass Frauen hier deutlich häufiger und auch schwerere Verletzungen davontragen als Männer. Aber erstens ist der Unterschied in den Verletzungsfolgen längst nicht bei jeder dieser Studien so enorm groß wie bei den beiden vom Frauenministerium in Auftrag gegebenen Untersuchungen, die sie hier vergleicht. Erwähnt sei etwa die Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), die für 1991 von folgenden Zahlen ausging: „Schweren Gewalthandlungen in engen sozialen Beziehungen waren mindestens 246.000 Frauen zwischen 20 und 59 Jahren sowie mindestens ca. 214.000 Männer ausgesetzt.“ Das ist kein derart gravierender Unterschied zwischen den Geschlechtern, der es erforderlich machen würde, Hilfe und Unterstützung bei schwerer häuslicher Gewalt derart stark auf Frauen zu konzentrieren, wie es in der Praxis der Fall ist.
Letztlich stochert die Forschung bei der Frage, um wie viel häufiger Frauen (im Vergleich zu Männern) durch häusliche Gewalt ernsthaft verletzt werden und um wie viel schwerer ihre Verletzungen sind, immer noch im Nebel, so dass sämtliche Aussagen hierzu unter einem beträchtlichen Vorbehalt stehen.

Zweitens: Dass Männer, wenn sie zuschlagen, mehr körperliche Schäden anrichten als Frauen, wenn sie ein und die selbe Gewalthandlung ausüben, liegt angesichts der in der Regel größeren Körperkräfte von Männern auf der Hand. Was das grundsätzliche Aggressionspotenzial sowie die Häufigkeit der Ausübung von Gewalthandlungen angeht, so geht die Forschung jedoch recht eindeutig in die Richtung, dass es hier zwischen den Geschlechtern keine nennenswerten Unterschiede gibt. Angesichts dessen von einem „Muster patriarchaler Gewalt“ zu sprechen, ist folglich irreführend.

Dies gilt erst recht, wenn man sich einige weitere Zahlen ansieht: In unserer durch „patriarchalische Gewalt“ geprägten Gesellschaft stellen Männer laut BKA-Kriminalstatistik 72,5 Prozent aller Opfer von Gewaltkriminalität. Die selbe Statistik weist für das Delikt Kindesmisshandlung Jahr für Jahr einen Anteil weiblicher Täter von konstant etwa 43 Prozent aus - trotz deutlich besserer Möglichkeiten, diese Untaten zu vertuschen. Zu etwa 50 Prozent geht Gewalt in heterosexuellen Partnerschaften von Frauen aus, in Trennungssituationen laut der „Väterstudie“ von Gerhard Amendt gar zu 60 Prozent. Eine weitere Studie des BKA, in den 80er-Jahren veröffentlicht, untersuchte Kindestötungen durch die Hand der Eltern. 70 Prozent dieser Tötungsdelikte gingen auf das Konto der Mütter. Auf 80 Prozent wird der Anteil der weiblichen Familienmitglieder geschätzt, die Gewalt an pflegebedürftigen Alten und Kranken ausüben. Laut Family Domestic Violence Report USA erleben 82 Prozent der Menschen ihre erste Gewalterfahrung durch die Hände einer Frau.

Mögen diese Statistiken auch nicht immer wissenschaftlich eindeutig untermauert sein, so zeigen sie jedoch immerhin eine Tendenz auf, die da lautet: Frauen stehen den Männern in punkto Gewaltbereitschaft in nichts nach; auch sie nutzen ihre Macht gegenüber schwächeren Familienmitgliedern ungehemmt aus, sobald sie die Gelegenheit dazu haben. Überflüssig zu erwähnen, dass Hagemann-White diesen Bereich der häuslichen Gewalt in ihrer Stellungnahme beredtsam verschweigt.

Ihre weitere Ausführungen dienen, passend hierzu, weitgehend der Verteidigung altbekannter feministischer Mythen und Rückzugslinien. So zweifelt sie erwartungsgemäß die Aussage aus dem IAIZ-Gutachten an, in Frauenhäusern suchten vor allem Frauen Zuflucht, die selber in wechselseitige aggressive Auseinandersetzungen verwickelt seien. „Edel sei die Frau, hilfreich und gut“ – an diesem feministischen Credo darf nicht gerührt werden. Und damit zusammenhängend auch nicht am Bild von dem von Natur aus bösartigen und aggressiven Mann.

Dabei ist es für jeden Menschen mit gesundem Menschenverstand einleuchtend, dass eine Auseinandersetzungen zwischen zwei Erwachsenen, die in Gewalttätigkeit mündet, sich häufig gegenseitig hochschaukelt, wobei dann auch das spätere Opfer (egal welchen Geschlechts) durch Provokationen und Handgreiflichkeiten seinen Anteil an der Eskalation der Auseinandersetzung haben kann, auch wenn es an der eigentlichen gewaltsamen Handlung natürlich nicht unmittelbar schuld ist. Dass dies bei einem Teil der Frauen, die ins Frauenhaus flüchten, nicht viel anders ist, liegt auf der Hand.

Dies wird auch durch die Ergebnisse der Untersuchungen von Amendt gestützt, wonach es weit überwiegend nicht eine Person alleine ist, die in einer Familie schlägt. Wenn in solchen Familien Gewalt gegen Partner oder Kinder geübt wird, dann schlagen eigentlich alle, d.h. Gewalt ist dort eine allgemeine Konfliktbewältigungsstrategie.

Nach der reinen feministischen Lehre rührt eine solche Sichtweise jedoch empfindlich am Tabu des unschuldigen Opfers Frau und stellt die von ihr behauptete wesentliche Motivation für häusliche Gewalt, nämlich männliche Machtausübung und männlichen Aggressionstrieb, in Frage.

Aus ähnlichen Motiven, nämlich der hartnäckigen Verteidigung eines bewährten männerfeindlichen und daher ungemein nützlichen Mythos, zweifelt sie die im Gutachten zu lesende Aussage an, in Frauenhäusern suchten vor allem Frauen aus sozial schwachen Milieus Zuflucht. Läuft eine solche Aussage doch einem weiteren zentralen feministischen Glaubenssatz zuwider, der da lautet: Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten vor.
Das tut sie, allerdings wahrscheinlich nicht in der mit dieser Aussage zwangsläufig implizierten gleichmäßigen Verteilung. Viele Untersuchungen deuten auf eine Häufung häuslicher Gewalt in der Unterschicht sowie auch in Familien mit Migrationshintergrund hin. Das einzuräumen, wäre für Feministinnen allerdings gefährlich, denn es würde bedeuten, dass nicht etwa Männlichkeit das Hauptmerkmal für die Ausübung häuslicher Gewalt darstellte, sondern dass schwierige soziale Verhältnisse oder kulturelle Prägungen diese Gewalt viel eher begünstigten als biologisch-geschlechtliche Gegebenheiten oder ein etwaiges Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.
Nicht auszudenken, was passierte, wenn gleich mehrere Eckpfeiler des feministischen Theoriegebäudes ins Wanken gerieten und damit die Grundlage des bewährten „Gewalt gegen Frauen“-Hypes erodierte! Aus den Ausführungen von Prof. Hagemann-White ist diese Angst recht deutlich herauszulesen.


3. Stellungnahme zu Kavemann

Die zweite Wissenschaftlerin, die sich zum Gutachten zu Wort meldet, ist Prof. Dr. Barbara Kavemann (59), Diplom-Soziologin mit Honorarprofessur an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Ihre Kritik an dem Gutachten ist konkreter, klingt streckenweise durchaus nachvollziehbar und verzichtet weitgehend auf jene wolkige feministische Betroffenheitsprosa, die die Ausführungen von Hagemann-White so schwer verdaulich machen.
Doch auch Kavemann betont in ihrer Stellungnahme explizit ihre Kritik an den staatlichen Stellen, „die mit Verweis auf die Frauenhäuser ihre Verantwortung nicht wahrnehmen und die gesellschaftliche Dimension der Problematik verleugneten.“

Es ist anzunehmen, dass sie mit der „gesellschaftlichen Dimension der Problematik“ auf das abhebt, was Hagemann-White mit „Strukturen patriarchaler Gewalt“ meint. Wir haben nicht nur bereits herausgearbeitet, wie sehr solche Schlussfolgerungen in die Irre gehen. Wir empfinden auch die larmoyanten Klagen über die angeblich fehlende staatliche Verantwortung für die Frauenhäuser arg daneben angesichts des Umstandes, dass es für männliche Betroffene häuslicher Gewalt weder eine nennenswerte Anzahl Zufluchtsstellen gibt noch auch nur annähernd ein so eng geknüpftes Netz von Hilfseinrichtungen oder Beratungsstellen, wie gerade staatliche Stellen es für Frauen mit geknüpft haben - und nicht unwesentlich mit Steuergeldern unterstützen. Einmal ganz abgesehen davon, dass sich die selben staatlichen Stellen weitgehend weigern, das Problem der Gewalt gegen Männer überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn, daraus entsprechende Aktivitäten zu entwickeln, die betroffenen Männern zugute kommen.

Kavemann bekennt sich zur Parteilichkeit der Frauenhäuser, worunter sie versteht, „die Komplexität der Gewaltverhältnisse unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Kontextbedingungen zu sehen“. Wobei gerade dies, die Betrachtung der Komplexität von Gewaltbeziehungen sowie der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, doch eher dazu führen muss, jegliche Parteilichkeit zu überwinden. Denn eine solche differenziertere Betrachtungsweise kann eigentlich nur dazu führen, dass zum einen die familiäre Gewalt als komplexer Vorgang gesehen wird, der sich nicht auf die simple Formel „Mann schlägt Frau“ reduzieren lässt. Zum anderen führt sie dazu, dass nicht nur die Frau, sondern auch der Mann im Kontext seiner jeweiligen gesellschaftlichen Problemstellungen gesehen wird. Jegliche überkommene Sichtweise, die allein die Frau als Opfer (nicht zuletzt auch der „gesellschaftlichen Verhältnisse“) ansieht, sollte sich als Folge davon eigentlich in Luft auflösen und einer ganzheitlichen, geschlechterübergreifenden Sichtweise Platz machen. Von der jedoch ist auch Barbara Kavemann noch ein gutes Stück weit entfernt.

Sie geht in ihrem Beitrag des weiteren auf die Kritik des IAIZ-Gutachtens an der mangelnden Transparenz der Frauenhaus-Statistiken ein und betont, dieser käme keine Priorität zu, sondern vor allem der Hilfe im Notfall. Sicherlich nachvollziehbar, aber dennoch sollte die Öffentlichkeit ein Recht darauf haben, mit seriösen Statistiken über die Belegungszahlen von Frauenhäusern versorgt zu werden und nicht mit fragwürdigen Zahlen aus dem Dunstkreis von sich offen als „parteiisch“ definierenden Helferinnen, die sich offensichtlich nicht so recht in die Karten schauen lassen wollen.
Ihr in der Fußnote verborgener Hinweis „Es bleibt im Gutachten unerwähnt, dass mit der bundesweiten Frauenhauskoordinierung an einer bundesweit einheitlichen Statistik gearbeitet wird“ beruhigt uns folglich nicht im Geringsten, denn objektive und verlässliche Zahlen sind von einer solchen Institution nun wirklich nicht zu erwarten. So steht zu befürchten, dass wir auch weiterhin zu den sattsam bekannten Anlässen in der Presse zu lesen bekommen werden, dass jährlich angeblich 45.000 Frauen in Deutschland in Frauenhäuser flüchteten, ohne dass eine wahrhaft neutrale, vertrauenswürdige Institution diese Zahlen gegengeprüft, „Drehtüreffekte“ und Mehrfachbelegungen (eine Frau in verschiedenen Frauenhäusern) angemessen berücksichtigt hätte.
Was Kavemann und Co. indes nur recht sein kann, denn so hat die Frauenhaus-Lobby auch weiterhin einen triftigen Grund, die Forderung nach Fortbestand der bestehenden sowie die Errichtung weiterer Frauenhäuser mit statistisch „belegten“ Zahlen zu unterfüttern – und weiterhin darauf zu vertrauen, dass sich niemand so recht zu trauen wagt, nach der Herkunft und der Seriosität dieser Statistiken zu fragen. Motto: Was ist schon eine Statistik, wenn es um die schlimmen Schicksale von Frauen und Kindern geht!


4. Stellungnahme zu Brückner

Prof. Dr. Margrit Brückner (62) schließlich, Soziologin und Professorin an der Fachhochschule Frankfurt am Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, hebt auf die drei Haupt-Arbeitsprinzipien der Frauenhausarbeit ab: Ganzheitlichkeit, Parteilichkeit und Betroffenheit. Unter Ganzheitlichkeit versteht sie, „dass durch Spezialisierung und Arbeitsteilung in unserer Gesellschaft Getrenntes wieder zusammengefügt werden muss, um die Lebenslage von Menschen erfassen und nachhaltig Unterstützung leisten zu können.“
Die Frage, wieso die Thematik der häuslichen Gewalt nicht auch – geschlechterübergreifend – dieser Ganzheitlichkeit unterworfen wird, sondern sich faktisch fast nur auf die Betroffenheit von Frauen beschränkt, wirft Brückner wohlweislich erst gar nicht auf. Dabei wäre das doch mal ein geeigneter Anlass, die bestehende Spezialisierung auf „Gewalt gegen Frauen“ zu überwinden und zusammenzufügen, was zusammen gehört.
Lieber wendet sie sich schnell dem Prinzip der Parteilichkeit zu. Die geht bei ihr immerhin nicht so weit, dass sie die Frau einseitig nur als Opfer sieht. Ein durchaus löblicher Ansatz, der allerdings natürlich Grenzen hat: es gehe darum, "die Verantwortung der Frau für ihr eigenes Handeln (z. B. ihr Nicht-Eingreifen) zu bestätigen, ihr aber nie die Verantwortung für die Gewalttaten anderer aufzubürden." Denn das ginge dann doch zu weit. Für die Gewalttaten anderer – sprich: die Männer – ist die Verantwortung nach Möglichkeit alleine diesen selber aufzubürden. Faktisch läuft auch das wieder darauf hinaus, dass jegliche Verantwortlichkeit der Frau am Zustandekommen und Eskalieren einer gewalttätigen Auseinandersetzung kleingeredet, relativiert und letztlich geleugnet wird – ein bemerkenswert anti-emanzipatorischer Ansatz, der der Frau die Rolle als passiv-unschuldiges Opfer der Umstände zuweist und sie von allem Negativen frei spricht, was sie als Folge ihrer eigenen Handlungen zu verantworten hat. Wenn es also der „guten“ Sache dient, scheuen selbst Feministinnen nicht davor zurück, die Frau zum passiven, verantwortungslosen Heimchen zu degradieren. Der allumfassende Opferstatus der Frau ist viel zu wertvoll und einträglich, als dass er vor den eigenen Grundsätzen Bestand haben könnte. Diese machiavellistische Praxis, derzufolge der Zweck die Mittel heiligt, ist höchst bemerkenswert.

Und natürlich fließt auch bei Brückner wie üblich der altbekannte Mythos von der gesellschaftlich ach so machtlosen, strukturell benachteiligten Frau mit ein, wenn sie betont, wie wichtig es sei, „die ungleiche gesellschaftliche Machtverteilung mit ihren Auswirkungen auf strukturelle Begrenzung von Handlungsparametern und strukturelle Behinderung in der Entwicklung von Selbstbewusstsein sowie deren jeweilige individuelle Auswirkungen ausreichend einzubeziehen“. Überspitzt gesagt will sie mit diesem Soziologen-Kauderwelsch folgendes ausdrücken: Häusliche Gewalt gegen Frauen ist die logische Folgeerscheinung einer Gesellschaft, die alleine den Frauen übel mitspielt, während Männer die Macht in Gesellschaft und Familie inne haben.

Diese ausgesprochen weltfremde Theorie spielt auch in ihre Ausführungen zum dritten entscheidenden Prinzip der Frauenhausarbeit mit hinein: Betroffenheit. Wozu sie ausführt: „In einem allgemeinen Sinne sind alle Frauen gleichermaßen betroffen von geschlechterhierarchischen Strukturen und hegemonialer Männlichkeit“. Zwar schränkt sie diese Aussage in der Folge ein, indem sie darauf hinweist, dass die Lebenslagen beider Geschlechter so weit ausdifferenziert seien, dass dieser Ansatz heute kaum noch Gewicht in der Debatte habe, doch „strukturelle Benachteiligungen“ (von Frauen, natürlich) seien weiterhin vorhanden. Das gute alte Berber-Sprichwort „Ein Auge sieht, das andere ist fest geschlossen“ – Prof. Dr. Brückner scheint es gut zu kennen, denn sie hat es sich offenbar als ihr Lebensmotto auserkoren.


5. Zusammenfassung

Lässt man die Beiträge der drei Wissenschaftlerinnen Revue passieren, so fallen einem einige Gemeinsamkeiten auf. Alle sind offensichtlich der Ansicht, dass Männer in unserer Gesellschaft über weitaus mehr Macht verfügen als Frauen und dass sich dieses Machtgefälle – wie immer sie es auch jeweils bezeichnen mögen – auch im familiären Kontext zu Lasten von Frauen auswirkt, unter anderem in Gewalt gegen Frauen, was Frauenhäuser unverzichtbar mache.
Keine der drei Damen wird jedoch einigermaßen konkret und benennt uns genau, wo und wie Männer strukturell gegenüber Frauen derart deutlich im Vorteil sind. Daher können wir nur mutmaßen:

Sind es etwa die berüchtigten 23 Prozent, die Männer im Durchschnitt mehr verdienen? Oder gar die Dominanz der Herren in den Führungsetagen der Wirtschaft? Wir wollen nicht hoffen, dass sie das wirklich meinen, wissen jedoch, dass man Feministinnen grundsätzlich alles zutrauen sollte. Abgesehen davon, dass es sich hierbei wiederum um feministische Mythen handelt, die allesamt widerlegt sind, wäre von Seiten der Behaupterinnen erst noch der Nachweis des Zusammenhangs zu häuslicher Gewalt zu führen: Wie wirkt sich die Vorstandstätigkeit des Bankers X in Frankfurt am Main auf die Gewalt im Haushalt des Bäckers Y in Castrop-Rauxel aus? Das Hahnebüchene dieses feministischen Dogmas tritt offen zu Tage, sobald es klar ausformuliert wird.

Nehmen wir einmal an (wir können ja nur mutmaßen), sie heben tatsächlich darauf ab, dass sich die männliche Privilegierung bzw. Machtstellung in der Zahl der Wirtschaftsbosse, Abgeordneten, Amtsleiter, Chefredakteure usw. zeige und – im konkreten Fall des einzelnen Mannes – in seinem weit höheren Einkommen im Vergleich zur Frau.

Nun, erstens kann das jede Frau für sich ändern, indem sie die Alimentierung durch ihren Familienernährer aufgibt und sich um einen Beruf bemüht, der sie in die Lage versetzt, selber mit ihrem Gehalt einen gesunden, arbeitsfähigen Mann und die Kinder zu ernähren. Dass den meisten Frauen das jedoch im Traum nicht einfällt (weil das Versorgtwerden durch den männlichen Hauptverdiener viel bequemer ist und sie von jeder lästigen Verantwortung befreit), ist kaum die Schuld der Männer alleine.

Zweitens: Dass derjenige, der das Geld herbei schafft, auch die Macht in der Familie hat und das Recht, Frauen und Kinder zu züchtigen, ist schon in Bezug auf Mitteleuropäer in den 50er-Jahren fraglich, als unsere drei Damen noch im Teenageralter waren. Empirische Studien weisen nach, dass das solcherart skizzierte Familienbild heute fast nur noch bei Migrationsfamilien aus dem islamischen Kulturraum anzutreffen ist.

Da es zudem nicht nur darauf ankommt, das Geld zu verdienen, sondern auch auszugeben (seit jeher eine Domäne der Frauen, die heutzutage – durch viele Untersuchungen und Umfragen bestätigt – die Mehrzahl der wichtigen Investitionsentscheidungen in den Familien treffen), relativiert sich die Macht und die Privilegierung des Haupternährers ohnehin, ohne dass das den Damen eine Erwähnung wert wäre. Denn das würde ihr holzschnittartiges Bild vom Manne als dem alleinigen Machthaber in Gesellschaft und Familie zerstören. Hier wäre auch zu hinterfragen, inwieweit Falschbeschuldigungen und Gewaltausübung weiblicherseits durch intrafamiliäre Konsuminteressen motiviert sind.

Drittens kann ein solches Zerrbild nur Bestand haben, wenn es das konsequente Ausblenden alles dessen umfasst, was nicht in dieses verengte Schema passt. Dazu gehören zum einen männliche Ohnmachtserfahrungen bzw. Benachteiligungen wie höhere Obdachlosigkeit und Selbstmordrate, Wehr- und Zivildienst, Kindesentzug als Folge von Scheidungen, körperliche Beanspruchung im Beruf, höhere Betroffenheit bei Gewaltdelikten, schlechtere Schulnoten für gleiche Leistungen, höhere Strafen für gleiche Delikte und dergleichen mehr.

Dazu gehört zum anderen auch das Ausblenden weiblicher Macht, sei es nun diejenige, die im gesamtgesellschaftlichen Kontext durchaus wahrnehmbar ist, sei es aber vor allem die familiäre Macht, die sich vor allem im Zusammenhang mit der Aufzucht und Erziehung von Kindern zeigt und von Jugendämtern und Familiengerichten untermauert wird. Wegen der Väter benachteiligenden Rechtspraxis, Rechtsprechung und der entsprechenden Gesetzgebung (das väterliche Sorgerecht eines unehelichen Kindes ist vom Willen und der Willkür der Mutter abhängig) im Familienrecht ist Deutschland nicht zu Unrecht bereits mehrfach vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angemahnt worden.

Hier ist von „geschlechterhierarchischen Strukturen“ zugunsten von Männern und „hegemonialer Männlichkeit“ nur wenig zu spüren; allerdings nur für denjenigen, der sich die Mühe macht, diesen Teil der Wirklichkeit ebenfalls zur Kenntnis zu nehmen.

Daran hapert es jedoch bei Kavemann, noch mehr bei Brückner und Hagemann-White in erheblichem Maße. Wobei sie alle nicht dumm sind und durchaus wissen, wie der Hase – jenseits ihrer schrägen feministischen Hypothesen – in Wirklichkeit läuft. Es würde allerdings den überaus wertvollen Status der Frau als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse immens gefährden, würde man dies zugeben und sich zu einer differenzierteren Sicht der Dinge bequemen.

Als Folge davon stünde außerdem über kurz oder lang auch das feministische Theoriegebäude als solches auf dem Prüfstand – und somit auch all die obskuren Blüten namens Frauenforschung oder Gender Studies, aus denen sie selber und viele Mitschwestern den Nektar gesellschaftlicher Anerkennung und regelmäßiger Gehaltszahlungen saugen. Auch und vor allem diejenigen in den Frauenhäusern, den ältesten und wichtigsten Bastionen im Kampf gegen die Windmühlen des eingebildeten patriarchalischen Unterdrückungssystems.

So ist denn auch in allen drei Aufsätzen das ängstliche Bemühen zu spüren, die Mitstreiterinnen in den vielen Frauenhäusern Thüringens und Deutschlands insgesamt vor jeglicher Unbill in Form von lästigen Rechtfertigungszwängen, dem Ruf nach mehr Professionalität, der Erweiterung des Blickfelds über den feministischen Tellerrand hinaus oder gar der Unterwerfung unter das Joch einer neutralen, objektiven Kontrolle zu bewahren, denn jede dieser an sich doch eher harmlosen Optimierungsmaßnahmen könnte einen Dominostein nach dem anderen zum Einsturz bringen und somit am Ende das ganze mühsam aufgebaute Machtinstrument.

Ob diese Angst allerdings berechtigt ist, darüber darf man unterschiedlicher Auffassung sein. Denn jenseits aller schrillen Misandrie, aller einseitigen Schuldzuweisungen und aller befremdlichen ideologischen Verbohrtheiten des Feminismus ist der Einsatz für die Rechte von Frauen und ihr Schutz vor Gewalt durch den Partner berechtigt, sind Frauenhäuser durchaus sinnvolle Einrichtungen. Männerhäuser wären es allerdings auch, wenn es sie denn in angemessener Zahl gäbe und wenn die, die es gibt, auch nur ansatzweise so unterstützt würden, wie es bei Frauenhäusern seit Jahrzehnten üblich ist. Was allerdings unnötig ist, ist der Missbrauch von Frauenhäusern als Waffe in einem längst überflüssigen Geschlechterkrieg.

Die einseitige Fixierung auf die Belange von Frauen allmählich zu überwinden und zu einer ganzheitlichen, auch Männer voll und ganz einbeziehenden Geschlechterpolitik zu gelangen, bedeutet nicht das Rückgängigmachen frauenpolitischer Fortschritte. Dass die drei Wissenschaftlerinnen das in ihrer Panik womöglich befürchten, mag halbwegs verständlich sein. Berechtigt sind solche Befürchtungen allerdings sicher nicht.


Bild 1: © jutta rotter, PIXELIO
Bild 2: © Torsten Lohse, PIXELIO
Bild 3: © Gerd Altmann, PIXELIO

Autor: MANNdat Geschlechterpolitische Initiative e.V.

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Stand: 17. Januar 2009
Erstellt: 17. Januar 2009

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